Deutschlands Startup-Ökosystem 2022–2025: Was wir aufgebaut haben
Von Januar 2022 bis Mai 2025 hatte ich die einmalige Chance, als Startup-Beauftragte der Bundesregierung das deutsche Innovationsökosystem von innen zu gestalten. Dieser Artikel zieht Bilanz — was wir aufgebaut haben, was funktioniert hat, und wo noch Arbeit bleibt.
Das Ausgangsproblem: Warum Deutschland ein Startup-Problem hatte
Als ich im Januar 2022 das Amt antrat, war die Diagnose eindeutig: Deutschland hatte ein strukturelles Kapitalmarktproblem. Startups fanden zwar Seed-Finanzierungen, aber beim Übergang in die Wachstumsphase versiegte das Kapital. Series-B- und Series-C-Runden waren kaum zu schließen, ohne auf US-amerikanische oder asiatische Investoren angewiesen zu sein. Das bedeutete: Entscheidungen über europäische Technologieunternehmen wurden zunehmend außerhalb Europas getroffen.
Das zweite strukturelle Problem war institutioneller Natur: Deutschland hatte keine koordinierte Innovations- und Startup-Politik. Es gab viele gut gemeinte Einzelmaßnahmen — Förderlinien, Technologieprogramme, Gründerzentren — aber kein kohärentes Gesamtbild. Ein Manko, das ich direkt angehen wollte: „Es wurden viele Strategien erarbeitet, die in der Umsetzung deutlich ins Stocken geraten sind.“
Die Startup-Strategie 2022: Ein systematischer Ansatz
Im Juni 2022 verabschiedete das Kabinett Deutschlands erste umfassende Startup-Strategie. 130 Maßnahmen, 10 Handlungsfelder, ressortübergreifend koordiniert. Damit war Deutschland das erste Land in der EU mit einer solch strukturierten Gesamtstrategie für sein Startup-Ökosystem.
Die zehn Handlungsfelder adressierten die gesamte Wertschöpfungskette: Finanzierung, Talente, Gründungsinfrastruktur, öffentliche Beschaffung, Regulierung, Nachhaltigkeit, internationale Skalierung, Diversität, Wissenstransfer und gesellschaftliche Akzeptanz. Bis Ende 2024 wurden über 80 Prozent der 130 Maßnahmen umgesetzt — eine Umsetzungsquote, die in der deutschen Politikgeschichte ungewöhnlich hoch ist.
Die Kapitalinstrumente: Vom Mangel zur Systematik
Das kapitalmarktpolitische Herzstück war der Future Fund. Über die KfW Capital mobilisiert er staatliche Mittel von 10 Milliarden Euro, die mit privatem Kapital auf bis zu 30 Milliarden Euro gehebelt werden sollen — bis 2030. Damit ist der Future Fund das größte europäische Instrument zur Mobilisierung von Wachstumskapital für Startups.
Für eine spezifische Lücke — Hardware-intensive Technologien mit langen Entwicklungszyklen — haben wir den DeepTech & Climate Fonds (DTCF) aufgesetzt. Mit 1 Milliarde Euro investiert er in Startups, die Materialien entwickeln, Energiesysteme bauen oder neue Fertigungsprozesse skalieren. Diese Unternehmen passen strukturell nicht in klassische VC-Fonds mit 7-10 Jahre Laufzeit — der DTCF schließt diese Lücke. Über 13 Investitionen hat der Fonds bereits getätigt.
Für den Übergang zur europäischen Skalierung schufen wir die European Tech Champions Initiative: ein europäisches Co-Investmentvehikel mit 1 Milliarde Euro, das deutschen und europäischen Scale-ups ermöglicht, Wachstumsfinanzierungen in Größenordnungen zu schließen, die bisher nur in den USA möglich waren.
Die institutionellen Hebel: SPRIND-Freiheitsgesetz und DATI
Geld allein löst kein Innovationsproblem. Deutschland brauchte auch bessere institutionelle Strukturen. Mit dem SPRIND-Freiheitsgesetz (November 2023) haben wir der Bundesagentur für Sprunginnovationen endlich die operative Autonomie gegeben, die sie braucht, um wie eine DARPA funktionieren zu können — flexible Personalentscheidungen, beschleunigte Vergabe, eigene Investitionsentscheidungen. Das nannte ich einen „Meilenstein in der Innovationspolitik“.
Mit der DATI (Deutsche Agentur für Transfer und Innovation, November 2024) haben wir eine Lücke im Transfersystem geschlossen: Die neue Bundesagentur soll Wissenstransfer aus der Wissenschaft in den Markt systematisch beschleunigen — mit besonderem Fokus auf anwendungsorientierte Hochschulen.
Gründungsinfrastruktur: Die EXIST Startup Factories
Innovation entsteht an Hochschulen — aber deutsche Universitäten hatten im internationalen Vergleich zu wenig Ressourcen für systematische Gründungsförderung. Mit den EXIST Startup Factories haben wir einen Wettbewerb um 15 Leuchtturm-Hubs ausgeschrieben. Aus 26 Bewerbungen wurden 15 ausgewählt, die zusammen rund 100 Hochschulen repräsentieren. Diese Hubs sollen Spin-offs aus der Wissenschaft professionell begleiten — von der Idee bis zur Series-A-Finanzierung.
Was noch bleibt
Bei aller Bilanz: Einiges ist noch unfertig. Das Wachstumskapitalproblem ist adressiert, aber noch nicht gelöst — der Future Fund braucht Zeit, um seine volle Hebelwirkung zu entfalten. Das öffentliche Beschaffungswesen innovationsfreundlicher zu machen ist eine generationenübergreifende Aufgabe. Und die internationale Skalierung europäischer Startups ist nach wie vor das Kernproblem des europäischen Ökosystems.
Genau dort setzt SAI Europe an: Wir arbeiten an der Schnittstelle von Innovation und Politik, um die Hebel zu bedienen, die im Markt allein nicht funktionieren.
„Nur ein innovatives Europa ist ein souveränes Europa. Das gilt nicht als Slogan, sondern als strategische Notwendigkeit.“— Dr. Anna Christmann
Innovation Policy Workshop
Ein Tag mit Dr. Anna Christmann — europäische Innovationspolitik verstehen und mitgestalten.